Die treulose Schwester

In einem dunklen Wald lebte eine Mutter mit ih-rem Sohn und ihrer Tochter. Wieso sie gerade dort wohnten, das weiß ich nicht. Kurz und gut, sie lebten dort, doch plötzlich kam der Tod und raffte die Mutter der Kinder dahin.
Die Kinder blieben als Waisen zurück und wuß-ten nicht, wohin sie gehen oder was sie tun soll-ten. Sie streiften im Wald umher und fanden schließlich ein Wohnhaus.
Sie gingen in das Haus hinein. Dort wohnte ein alter grauhaariger Mann. Was es für ein Mann war, wußte auch wieder niemand. Er nahm die Kinder zu sich, und bei ihm wuchsen der Knabe und das Mädchen zu Jüngling und Jungfrau heran.
Eines Tages wurde der alte Mann krank. Er spürte seinen Tod kommen und rief deshalb den Jungen und das Mädchen zu sich ans Bett. Er gab beiden ein weißes Tuch. In beide Tücher waren Knoten geknüpft. Er sagte:
„Öffnet niemals die Knoten dieser Tücher! Be-wahrt sie so geknüpft bis zu eurem Tode auf, dann werdet ihr ein glückliches Leben haben. Wer sein Tuch aufknüpft, wird auf dieser Welt keine glücklichen Tage mehr sehen.“
Er starb und wurde von dem Jungen und dem Mädchen beerdigt. Nun blieben sie zu zweit in dem Hause wohnen.
Der Junge ging auf die Jagd und schoß Vögel und andere Tiere, das Mädchen aber blieb zu Hause. Es dachte oft: Ich möchte wissen, was in dem Tuch wohl drinsteckt. Es wird wohl kein Un-glück geschehen, wenn ich es aufknüpfe.
Und eines Tages knotete es sein Tuch auf. Vor ihm stand plötzlich ein sehr schöner weißgekleide-ter junger Mann. Das war der Teufel selbst. Sofort begann er dem Mädchen zuzureden, ihren Bruder zu töten. Das Mädchen willigte nicht ein. Da sagte der Teufel:
„Du brauchst ihn gar nicht zu töten. Wir werden ihm nur eine Falle stellen. Tu, als wärest du krank, und sage dann deinem Bruder, daß dich nichts gesund machen könne als nur Wolfsmilch. Dann wird er gehen, um Milch von einem Wolf für dich zu holen, und der wird ihn zerreißen.“
Am Abend kam der Bruder von der Jagd nach Hause. Da eröffnete ihm die Schwester, daß sie schwer krank sei und daß nur die Wolfsmilch sie wieder gesund machen könne.
Der Junge war über die Krankheit der Schwe-ster sehr betrübt; würde die Schwester sterben, wo sollte er da allein hingehen?
Am nächsten Morgen ging er fort, um Milch von einem Wolf zu holen. Bald erspähte er auch eine Wölfin und wollte sie erschießen. Doch die Wölfin rief von weitem: „Schieß nicht! Komm und melke dir Milch, soviel du willst.“
Der Junge ging zur Wölfin und melkte sie. Dann ging er mit der Milch zurück nach Hause, und die Wölfin folgte ihm.
Der Teufel sah den Jungen kommen und sagte: „Der Wolf hat ihm nichts getan. Er folgt dem Jun-gen wie ein Hund.“
Schnell versteckte er sich hinter dem Ofen. Der Junge gab die Milch dem Mädchen. Der Wolf spür-te den Geruch des Teufels und begann alle Ecken zu beriechen. Er fand aber den Teufel nicht.
Die Sache stand schlecht. Der Wolf hatte dem Jungen nichts getan, was sollte man da anfangen?
Der Teufel und das Mädchen berieten sich und beschlossen, den Jungen zum Bären nach der Milch zu schicken, der würde ihn schon reißen. Das Mädchen sagte jetzt dem Bruder, daß die Wolfsmilch nicht gewirkt habe und nur die Bären-milch sie gesund machen könne.
Der Junge ging denn auch am nächsten Mor-gen, um Bärenmilch zu holen. Er sah eine Bärin und wollte sie niederschießen. Doch die Bärin rief:
„Schieß nicht! Komm und melke dir Milch, so-viel du willst.“
Der Junge melkte die Bärin, und die folgte ihm nach Hause.
Der Teufel sah den Jungen mit dem Bären kommen und sagte: „Es hilft aber auch gar nichts. Der Bär hat ihm ebenfalls nichts getan.“
Nun beschlossen beide, der Teufel und das Mädchen, den Jungen zum Löwen nach der Milch zu schicken. Das Mädchen sagte dem Bruder, daß auch die Bärenmilch ihr nicht geholfen habe und nur noch Löwenmilch sie retten könne.
Der Junge ging am nächsten Morgen, um Milch von einem Löwen zu holen. Er traf auf eine Löwin und wollte sie niederschießen. Doch die Löwin rief: „Schieß nicht! Komm und melke dir Milch, soviel du willst.“
Der Junge melkte die Löwin, und sie folgte ihm, als er nach Hause ging.
Der Teufel schnaubte und keuchte vor Wut, daß weder der Wolf noch der Bär oder der Löwe dem Jungen etwas taten. Sie waren nun sogar bestän-dig alle drei in der Nähe des Jungen und liefen ihm nach wie Hunde; deswegen konnte man auch dem Jungen nichts mehr antun.
Der Teufel und das Mädchen berieten erneut, wie sie den Jungen umbringen könnten.
Am Rande des Waldes war ein See, in dem eine riesengroße Schlange lebte. Es konnte kein Mensch lebendig die Ufer dieses Sees verlassen, denn sie verschlang jeden. Nun wollten sie den Jungen zu diesem See nach Wasser schicken. Die Schlange würde ihn schon umbringen, dachten sie. Der Junge wußte wohl, was für eine Schlange sich im See befand. Doch das Mädchen sagte, daß es sterben müsse, wenn es kein Wasser aus die-sem See bekomme; das allein könne ihr noch hel-fen.
Was war zu tun, der Junge ging. Als er zum Seeufer kam, wollte die Schlange ihn zerreißen, doch der Wolf, der Bär und der Löwe kamen dem Jungen zu Hilfe.
Zwischen der Schlange und den Hunden des Jungen begann ein heftiger Kampf. Die Schlange war stark, doch die Tiere waren auch stark.
Es gelang dem Jungen, zwischen den beiden Parteien eine Kanne Wasser zu schöpfen, und so-fort machte er sich auf den Rückweg. Seine Hun-de ließen auch von der Schlange ab und folgten dem Jungen.
Der Junge war wieder mit dem Leben davonge-kommen, und der Teufel kochte vor Wut. Was sollten sie noch tun? Niemand tat dem Jungen et-was zuleide, weil sein Tuch geknüpft blieb. Der Teufel beschloß deshalb, den Jungen selbst zu tö-ten. Doch die Hunde – die wilden Tiere – verstan-den keinen Spaß. Überall waren sie in der Nähe des Jungen. Wie sollte man mit ihnen fertig wer-den? Man mußte sie aus der Nähe des Jungen entfernen.
Schließlich fanden der Teufel und das Mädchen auch hier Rat. Zwölf Werst weiter ab befand sich eine Mühle. In dieser Mühle wohnten ebenfalls Teufel. Man mußte den Jungen dorthin nach Mehl schicken.
Diese Mühle hatte zwölf eiserne Tore hinterein-ander. Wenn jemand in die Mühle hineingehen wollte, gingen die Tore von selbst auf und blieben so lange weit geöffnet, bis derjenige wieder he-rauskam. Doch sobald der Herauskommende je-weils ein Eisentor passiert hatte, schlugen sie von selbst hinter ihm zu, und so schlossen sich alle Tore nacheinander hinter dem Hinausgehenden. Hinter diesen Toren sollten die Tiere bleiben.
Schön und gut. Das Mädchen schickte also den Jungen nach dem Mehl, natürlich wieder gegen die Krankheit.
Der Junge mußte gehen, denn wenn die Schwe-ster gestorben wäre, wo sollte er dann allein im Walde bleiben? Es ging dem Jungen alles gut von-statten. Er erhielt in der Mühle Mehl, doch als er hinausging, schlugen die Tore hintereinander zu, und die Tiere blieben hinter den zwölf eisernen Toren. Der Junge dachte sich nichts dabei und ging nach Hause.
Da aber sprang ihn der Teufel an, faßte ihn am Kragen und sagte: „Nun bleibt dir keine Zeit mehr, jetzt mußt du sterben!“
Der Junge bat den Teufel, ihm noch etwas Zeit zum Leben zu lassen.
„Laß mir noch so viel Zeit, daß ich meinen Kör-per in der Sauna reinwaschen kann“, sagte er zum Teufel.
Der Teufel war damit einverstanden.
Der Junge ging daran, in der Sauna den Ofen zu heizen. Bald war der Ofen heiß. Doch der Teu-fel wollte nicht mehr warten. Er kam zur Tür des Vorraumes der Sauna und rief: „Nun ist es aber genug! Komm heraus!“
Der Junge sagte, daß es noch ein Weilchen dauern würde. Der Teufel ging zurück.
Da kam in großer Eile eine Krähe angeflogen, setzte sich auf einen Eichenast vor dem Sauna-fenster und rief dem Jungen zu: „Versuche die Zeit so lange hinauszuzögern, wie du nur kannst.
Die Tiere kommen bald, sechs Tore sind schon zertrümmert.“
Der Junge goß Wasser auf die heißen Steine, daß sie nur so dampften, und schlug sich mit dem Badebesen, daß die Haut heiß wurde.
Einige Zeit später erschien der Teufel wieder und wollte nun den Jungen töten. Doch da kamen auch schon die Tiere mit hängenden Zungen an. O du meine Güte! Wie ein Federbusch, wie ein Fet-zenbündel flog der Teufel zwischen ihren Tatzen. Nichts blieb von ihm übrig als etwas Wasser und ein einziger Zahn –.
Der Junge hatte inzwischen begriffen, daß die Schwester mit dem Teufel im Bunde war und mit ihm zusammen den Bruder umbringen wollte. Deshalb beschloß er, für einige Zeit das Haus zu verlassen.
Um zu erfahren, wem das Mädchen mehr nachweinen würde, ihm oder dem Teufel, rollte er zwei Fässer in die Sauna; das eine auf den eige-nen Namen, das andere auf den des Teufels. Über den Fässern sprach er eine Beschwörung, daß dessen Faß voll werden solle, dem das Mädchen mehr Tränen nachweinte.
Selbst ging er aber durch die Dörfer auf Wan-derschaft. Er lehrte den Bären tanzen, den Löwen springen und den Wolf Männchen machen. Wo Menschen zu sehen waren, ließ er die Tiere ihre Kunststücke zeigen und erhielt dafür Geld und Brot.
Schließlich kam er in die Königsstadt des Lan-des.
Der König hatte eine einzige Tochter. Sie war immer sehr ernst, und niemand konnte sie zum Lachen bringen. Deshalb hatte der König verspro-chen, daß derjenige, der seine Tochter zum La-chen bringe, sie auch zur Frau bekommen würde. Außerdem sollte er noch das halbe Königreich er-halten.
In der ersten Zeit waren auch viele junge Men-schen gekommen. Ein jeder machte seine Späße, doch keiner konnte die Königstochter zum Lachen bringen.
Der Junge ging zum Königsschloß, ohne etwas von der Sache gehört zu haben, und ließ dort vor dem Volk seine Tiere ihre Kunststücke zeigen. Das Volk wunderte sich sehr, daß solche Tiere, mit denen sonst nicht zu spaßen war, so aufs Wort hörten.
Die Königstochter trat auch ans Fenster, um nachzuschauen, was los sei und – da lachte sie schon laut über die Kunststücke der Tiere.
Sofort wurde der Junge ergriffen, und es wurde ihm gesagt: „Komm vor den König! Du hast die Königstochter zum Lachen gebracht – sie wird die Deine!“
So weit, so gut. Es wurde die Hochzeit des Jun-gen mit der Königstochter gefeiert, und er erhielt auch das halbe Königreich.
Eines Tages traf es sich, daß der Mann seiner Schwiegermutter erzählte, seine Schwester wohne im Walde.
Die Schwiegermutter sagte: „Warum hältst du deine Schwester im Wald, da du nun über das halbe Königreich herrschst. Hier ist doch Platz ge-nug. Fahren wir hin und holen wir sie aus dem Walde hierher.“
Der junge Mann war zuerst dagegen, mußte aber schließlich nachgeben. Er setzte sich mit sei-ner Frau in einen Wagen, und sie fuhren los, um das Mädchen zu holen.
Nachdem sie eine Weile durch den Wald gefah-ren waren, fanden sie auch die Stelle, wo das Mädchen wohnte.
Der erste Gedanke des Mannes war, in die Sau-na zu gehen und nachzuschauen. Was sah er? An seinem Faß waren die Latten zerfallen, das Faß des Teufels aber war bis zum Rande mit Wasser gefüllt.
Der Mann wurde wütend und wollte sofort zu-rückfahren. Doch die Frau bat so lange, bis er nachgab und die Schwester mitnahm.
Zu Beginn der Fahrt saß die Schwester auf dem Bock neben dem Kutscher. Da begann die Frau wieder zu sprechen: „Sie soll zu uns in die Kut-sche kommen, hier ist doch Platz genug. Das wäre ja ungerecht, wenn du deine Schwester neben dem Kutscher sitzen läßt.“
Der Mann war wieder dagegen, mußte aber schließlich der Frau nachgeben. Das Mädchen wurde in die Kutsche gerufen, und sie setzte sich neben ihren Bruder. Da steckte sie ihm heimlich den Zahn des Teufels ins Ohr; diesen Zahn hatte sie vor der Sauna gefunden. Sofort wurde der Bruder krank und starb schon unterwegs.
Die Königstochter war über den Tod ihres Man-nes sehr betrübt. Sie ließ ihrem Manne einen ei-sernen Sarg machen und ihn dann in diesem Sarg vor dem Königsschloß auf eine hohe Säule stellen. So konnte sie den Sarg stets von ihrem Fenster aus sehen. Sie stand auch immer wieder vor ih-rem Fenster und weinte. Der Wolf, der Löwe und der Bär wollten ihren Herrn auch nicht verlassen. Sie kamen immer wieder unter die Säule und jammerten und heulten so, daß es zum Erbarmen war.
Einmal fuhr ein fremder Herr durch die Stadt des Königs. Die Pferde sahen die Tiere unter der Säule, erschraken sehr und gingen durch. Sie ra-sten um das Schloß des Königs, und da blieb plötzlich die Radnabe an der Säule hängen. Die Pferde jagten weiter, die Säule schwankte, und der Sarg fiel mit großem Krach von oben herab. Der Sargdeckel flog ab, und der Mann setzte sich im Sarge auf. Der Zahn des Teufels war ihm beim Fall aus dem Ohr herausgesprungen.
Die Freude aller über die Auferstehung des jun-gen Mannes war groß. Nur seine Schwester war unzufrieden. Der Mann wußte schon, daß all sein Ungemach durch sie gekommen war. Deshalb schickte er die Schwester dorthin, wo der Pfeffer wächst.
Nach dem Tode seines Schwiegervaters erbte er das ganze Königreich und war sein Leben lang ein guter Herr.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


1 × sieben =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>