Die Königstochter auf dem Glasberg

Ein reicher Mann hatte drei Söhne. Zwei waren klug, doch der dritte war dumm. Die Brüder nannten ihn Aschensack, weil er immer auf dem Aschenherd saß. Der alte Vater erkrankte und fühlte seinen Tod nahen.
Er rief seine Söhne zu sich und sagte: „Wenn ich gestorben und beerdigt bin, dann muß ein jeder von euch nacheinander eine Nacht an meinem Grabe wachen.“
Bald starb der alte Vater.
Es kam die erste Nacht nach der Beerdigung, und der älteste Bruder mußte wachen gehen, doch er ging nicht, sondern schickte seinen jüngsten Bruder, den Aschensack, zum Grab.
Die Sonne war schon untergegangen, es war sehr dunkel; Aschensack saß traurig und in Gedanken versunken am Grabe seines Vaters.
Plötzlich hörte er vom Wald her ein Rauschen und ein Stampfen. Er schaute in diese Richtung, und da kam ein Kutscher mit silbernen Pferden und einem silbernen Wagen zu ihm gefahren.
Der Mann sagte: „Sie sind dein Lohn für die Nachtwache!“
Als der Morgen graute, ging Aschensack nach Hause, stellte die Pferde in den Stall und den Wa-gen unter das Verdeck, das ihm gehörte. Selbst ging er ins Zimmer und legte sich auf den Ofen schlafen.
Es kam die zweite Nacht; der zweite Bruder entschuldigte sich und befahl Aschensack zu gehen, und Aschensack ging auch. Als er dasaß und an die Geschichte der vergangenen Nacht dachte, hörte er wieder ein Stampfen vom Walde her auf sich zukommen.
Und plötzlich standen goldene Pferde und ein goldener Wagen vor ihm, und der Mann, der die Pferde brachte, sagte: „Das ist der Lohn für deine heutige Nachtwache!“
Beim Morgengrauen ging Aschensack mit dem erhaltenen Lohn nach Hause, stellte die Pferde in den Stall und den Wagen unter das Verdeck, schloß die Tür und legte sich wieder auf den Ofen schlafen.
Es kam die dritte Nacht, da sagten die anderen Brüder: „Zwei Nächte hast du für uns gewacht, nun bist du selbst an der Reihe, jetzt mußt du wieder gehen.“
Und Aschensack ging gern zum Grab.
Als er bis zur Mitternacht gesessen hatte, hörte er wieder ein Stampfen wie vorher, und plötzlich standen Pferde und Wagen aus Diamanten mitsamt einem Kutscher vor ihm, und eine Stimme sagte: „Das ist dein Lohn für die heutige Nacht!“
Auch diesen Lohn brachte er nach Hause, stellte ihn unter und legte sich wieder auf den Ofen schlafen. Die anderen Brüder wußten von seinem Lohn nichts.
Bald darauf ließ der König ihres Landes einen großen Glasberg erbauen. Auf der Spitze dieses Glasberges brachte er seine Tochter unter, die dort wohnen sollte. Er ließ im ganzen Reich be-kanntgeben, daß derjenige, der seine Tochter von der Spitze des Glasberges herunterhole, sie zur Frau bekommen und dazu das halbe Königreich erhalten solle.
Von allen Enden des Reiches eilten die Fürsten-söhne und Recken herbei. Auch die beiden Brüder bereiteten sich auf den Weg vor.
Aschensack wollte ebenfalls mitgehen, doch die anderen spotteten über ihn und sagten: „Was willst du, Dummerjan, dort hingehen!“
Der älteste Bruder ging mit einem Ziegenbock und der zweite mit einem Mutterschwein.
Als die beiden weggegangen waren, nahm der Junge seine Silberpferde, zog silberne Kleider an und jagte zum Glasberg.
Sowie er die anderen dort erblickte, rief er: „Aus dem Weg, Schweinehüter, fort, fort, Ziegenhüter, laßt einen richtigen Mann vorbei!“
Die beiden beeilten sich, zur Seite zu treten, er aber jagte den Berg bis zur Hälfte hinauf, kehrte dann um und fuhr wieder nach Hause zurück. Dort stellte er die Pferde in den Stall und ging selbst auf den Aschenofen.
Als die Brüder nach Hause kamen, erzählten sie: „Wenn du, Aschensack, gesehen hättest, was wir heute gesehen haben! Ein großer Fürst ist in Silberkleidern mit Silberpferden und in silbernem Wagen den Glasberg hinauf- und wieder hinunter-gefahren.“
„Das war doch ich“, sagte Aschensack.
„Was faselst du da, Narr, wie solltest du dort hinkommen“, sagten die Brüder.
Am Morgen des nächsten Tages, sobald die an-deren mit ihren Reittieren fort waren, zog Aschensack goldene Kleider an und fuhr mit goldenen Pferden und dem goldenen Wagen davon.
Sowie er die anderen eingeholt hatte, rief er: „Aus dem Weg, aus dem Weg, Schweinehüter, fort, fort, Ziegenhüter, laßt einen richtigen Mann vorbei!“
Er fuhr bis auf den Bergkamm hinauf, drehte dann um und fuhr wieder nach Hause, stellte die Pferde in den Stall und ging selbst in die Stube.
Als die anderen am Abend nach Hause kamen, sagten sie wieder: „Wenn du gesehen hättest, was wir heute gesehen haben! Ein Fürst ist in goldenen Kleidern und mit goldenen Pferden den Glasberg hinaufgefahren, hat dann gedreht und ist wieder zurückgefahren.“
Aschensack sagte: „Das war doch ich!“
„Was faselst du! Du gehst nirgends hin von deinem Aschenherd, wie solltest du dort hingelangen.“
Aschensack war still und sagte nichts mehr.
Am Morgen des dritten Tages, als die anderen weggegangen waren, fuhr auch Aschensack mit seinen diamantenen Pferden davon. Wie der Wind fuhr er an den anderen vorbei und sofort den Glasberg hinauf bis hin zur Königstochter, nahm ihr das goldene Ei aus der Hand und fuhr wieder nach Hause, stellte die Pferde in den Stall und ging selbst auf den Ofen.
Am Abend, als die anderen zurückkamen, sagten sie: „Wenn du gesehen hättest, wie ein großer Fürst in leuchtenden Diamanten den Glasberg hinauf zur Königstochter gefahren ist und sich das goldene Ei geholt hat!“
Aschensack sagte: „Ich habe das Ei geholt!“
Die anderen lachten ihn aus; doch sie bemerkten, daß auf dem Ofen etwas blinkte.
„Was machst du, Narr, wozu gebrauchst du Streichhölzer auf dem Ofen?“
Aschensack steckte schnell das Goldei unter den Rock, damit es die anderen nicht sahen; sonst würden sie es ihm wegnehmen.
Am nächsten Tag gingen alle zum König, um zu sehen, wer das Goldei geholt hat. Alle wurden durchsucht, doch das Goldei hatte niemand.
Der König sagte: „Ist vielleicht bei jemandem noch ein Mann zu Hause geblieben?“
Die beiden Brüder sagten: „Wir haben noch ei-nen närrischen Bruder zu Hause.“
„Er soll auch herkommen“, befahl der König.
Als sie wieder nach Hause kamen, sagten sie zu Aschensack: „Dir wurde befohlen, morgen zum König zu kommen.“
Am nächsten Morgen lief Aschensack los, daß die Kleider nur so von Asche stiebten. Sowie er zum König kam, wurde er gleich durchsucht, und man fand das Goldei unter seinem Rock. Als die Königstochter sah, daß das goldene Ei in den Händen eines so zerlumpten Kerls war, begann sie zu weinen.
Doch der König sagte: „Du hast bekommen, was du wolltest.“
„Ich habe jetzt drei Schwiegersöhne“, sagte der König weiter, „und wer mir nun die besten Ge-schenke bringt, der ist mein geachtetster Schwie-gersohn, und das wird der sein, der mir den Hirsch mit dem goldenen Geweih aus dem fernen Lande hierherholt.“
Die anderen machten sich gleich auf ihren stol-zen Pferden auf den Weg, und Aschensack sagte zu seiner Frau: „Geh und erbitte von deinem Vater, dem König, für mich ein Pferd, auch ich will mein Glück versuchen.“
Und er bekam einen alten Klepper.
Er setzte sich umgekehrt aufs Pferd und schlug es mit den Fäusten. Schließlich kam er zu einem Moor, dort schlug er dem Pferd mit einem Knüppel auf den Kopf, zog ihm das Fell ab, warf es sich über die Schulter, brachte es vor das Haus des Königs und sagte zum König: „Krähen und Elstern schicken dir das zurück.“
Dann ging er, nahm sein silbernes Pferd, stieg auf und sprengte davon. Bald holte er die anderen ein, jagte an ihnen vorbei, bis er den Hirsch fand. Er faßte mit einer Hand den Hirsch am Geweih und machte sich auf den Heimweg.
Als er an den anderen vorbeikam, fragten sie: „Was kostet dieser Hirsch, verkaufst du ihn uns?“
Er sagte: „Gebt mir jeder von euch den Dau-men eurer rechten Hand dafür, dann gebe ich euch den Hirsch.“
Die anderen schnitten sich die Daumen ab und gaben sie Aschensack. Der nahm die Daumen, steckte sie in seine Tasche und gab ihnen den Hirsch. Zu Hause angekommen, stellte er sein Silberpferd in den Stall und ging ins Zimmer seiner Frau. Die anderen Schwiegersöhne brachten den Hirsch dem König, der lobte sie, und ihre Frauen freuten sich, doch die Frau des jüngsten Schwiegersohnes weinte.
Der aber sagte zu seiner Frau: „Laß es gut sein, du wirst schon lachen, wenn sie weinen.“
Wieder sagte der König zu ihnen: „Wer mir aber das Mutterschwein mit dem Silberhorn aus dem fernen Lande herbringt, der ist ein Ehrenmann.“
Wieder machten sich die anderen zu zweit auf den Weg. Aschensack sagte zu seiner Frau: „Geh hin und bitte für mich um ein Pferd, ich will noch einmal mein Glück versuchen.“
Die Frau sagte: „Wozu, du wirst ja doch nichts bekommen“, ging aber trotzdem zum König, um für ihn ein Pferd zu erhalten.
Wieder wurde ihm ein altes Pferd gegeben. Er aber machte es mit ihm genauso wie mit dem er-sten, ging und nahm sein goldenes Pferd, saß auf und jagte wieder an den anderen vorbei in das Land, aus dem er das Mutterschwein mit dem Sil-berhorn holte. Er nahm es an einen Strick und ritt mit ihm zurück.
Als er wieder den anderen begegnete, fragten sie: „Was kostet dieses Mutterschwein? Verkauf es uns!“
Er erwiderte: „Ich werde es verkaufen, wenn mir jeder von euch den großen Zeh vom rechten Fuß dafür gibt; dann könnt ihr es haben.“
Die anderen Schwiegersöhne schnitten sich die Zehen ab, gaben sie ihm, und er steckte sie in die Tasche. Zu Hause angekommen, stellte er wieder sein Pferd in den Stall und ging ins Zimmer. Die anderen Schwiegersöhne kamen zum König, und er lobte sie sehr.
„In jenem Land gibt es noch eine Fichte mit goldenen Zapfen. Wer mir die bringt, ist mein ge-achtetster Schwiegersohn!“
Sofort machten sich die anderen wieder auf den Weg. Aschensack aber ging zu seiner Frau und sagte: „Geh hin und bitte noch einmal um ein Pferd. Ich reite noch einmal.“
Die Frau ging, und wieder wurde ihm ein altes Pferd gegeben. Auch mit ihm machte er es genau-so wie vorher. Dann nahm er sein diamantenes Pferd, setzte sich auf dessen Rücken und ritt wie-der an den anderen vorbei. Er holte die Fichte und kam mit ihr den anderen entgegen.
Die sprachen: „Verkaufst du uns die Fichte, was soll sie kosten?“
Er entgegnete: „Ich verkaufe sie wohl, wenn mir jeder von euch von seinem Rücken einen Hautstreifen gibt.“
Sie schnitten einander einen Streifen vom Rük-ken heraus und gaben ihn Aschensack. Der steckte die Streifen in die Tasche, gab ihnen die Fichte und ritt nach Hause. Die beiden Schwiegersöhne gaben die Fichte dem König, der sie sehr lobte.
Am nächsten Tag rief der König alle seine Großen zusammen, um zu zeigen, was seine Schwie-gersöhne ihm zum Geschenk gebracht hatten. Der jüngste Schwiegersohn ließ alle seine sechs Pfer-de, zwei Silber-, zwei Gold- und zwei Diamantpferde vor die goldene Kutsche spannen und fuhr so mit seiner Frau vor das Königsschloß. Alle ka-men ihnen mit großen Ehrenbezeigungen entge-gen.
Als sie hineingingen, fragte er: „Was fehlt die-sen anderen Schwiegersöhnen, daß sie Handschuhe tragen?“
Der König befahl ihnen, die Handschuhe auszu-ziehen, und den Männern fehlten die Daumen. Aschensack aber nahm die Daumen aus der Tasche, legte sie an, und sie waren heil.
Dann fragte er wieder: „Warum hinken sie? Ich bin doch Arzt!“
Man schaute nach. Es fehlte jedem der große Zeh. Er nahm die Zehen aus der Tasche, legte sie an und machte sie heil wie vorher.
„Doch warum gehen sie gebückt?“ fragte er wieder.
Man sah nach, und einem jeden fehlte ein Stück Haut aus dem Rücken. Er nahm die Hautstreifen aus der Tasche, brachte sie wieder auf dem Rük-ken an.
„Die Daumen sind für den Hirsch mit dem gol-denen Geweih, die Zehen für das Mutterschwein mit dem silbernen Horn und die Hautstreifen aus dem Rücken für die Fichte mit den goldenen Zapfen. Ich bin Euer jüngster Schwiegersohn“, sagte er zum König.
Als der König das hörte, umarmte er ihn und jauchzte vor Freude. Seine Frau begann zu lachen, und die anderen Frauen weinten. Dann wurde er weltberühmt und erbte später das ganze Königreich. Die anderen Schwiegersöhne aber, die Betrüger, wurden von keinem mehr geachtet.

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