Die Königstochter als Schlange

Ein König hatte drei Söhne. Er versprach, sein Königreich nach seinem Tode dem Sohne zu vererben, der ihm das weißeste Hemd bringe. Zum Suchen gab er ihnen ein Jahr Zeit.
Die zwei älteren Brüder waren ihrem jüngsten Bruder böse, weil der Vater ihn am meisten liebte, und deshalb hielten sie ihn für dumm, schlugen ihn und litten ihn nicht in ihrer Gesellschaft.
Es kam die Zeit, da alle drei für ein Jahr hinausmußten. Jeder ging seinen eigenen Weg. Der jüngste Sohn aber, der kleiner als die anderen war und am wenigsten Hoffnung auf die Thronfol-ge hatte, ging in einen Wald, wo er bitterlich zu weinen anfing.
Wie er so auf einem Hügel saß und aus dem mitgenommenen Brotbeutel zu essen begann, bemerkte er ein großes Rattenloch, aus dem etwas Licht hervorschien. Als er das Loch näher betrachtete und mit den Händen noch vergrößerte, sah er, daß unter der Erde ein großer, prächtiger Bauernhof lag.
Schließlich, als das Loch groß genug war, ging er hinunter und kam in ein wunderschönes Schloß. Beim Umhergehen erblickte er auf einem goldenen Tisch eine prächtige große Schlange.
Von Angst ergriffen, versuchte er zu entfliehen. Doch umsonst! Das böse Tier setzte ihm nach.
Als er sah, daß er auf keine Rettung mehr hoffen konnte, fiel er vor dem Untier auf die Knie und begann um Gnade zu flehen. Die Schlange erhörte die Bitten des jungen Mannes und fragte, was ihn hierhergeführt habe.
Nun erzählte der jüngste Bruder der Schlange seine ganze Geschichte und fügte auch hinzu, er wisse gar nicht, wo er ein solches Hemd herneh-men solle, und daß seine anderen Brüder bei der Suche danach sicher viel stärker und klüger seien.
„Wenn du mir drei Tage treu dienen willst, sollst du ein solches Hemd erhalten“, sagte die Schlange. „Du mußt mich dreimal täglich waschen.“
Diese Aufgabe erweckte zwar bei dem jungen Mann einen Widerwillen, doch was blieb ihm anderes übrig, wollte er das verlangte Hemd erhalten.
Als er mit seiner Arbeit fertig war und in dem erwähnten Schloß an drei Tagen dreimal täglich die Schlange gewaschen hatte, gab sie ihm ein silbernes Kästchen und befahl ihm, es erst zu öffnen, wenn er an der Stelle im Wald sei, wo er auf dem Hügel geweint hatte.
Der königliche Diener nahm dankend das Kästchen entgegen und tat, wie ihm geheißen. Doch wie erschrak er, als er in der Waldesdämmerung das silberne Kästchen öffnete! Der ganze Wald leuchtete von dem Hemd, das er vor sich ausbrei-tete.
Zitternd vor Freude, trat er vor den Thron sei-nes Vaters und gab ihm das Hemd. Das gleiche taten auch seine Brüder, die am selben Tag heim-gekommen waren, doch was waren ihre Hemden gegen das des jüngsten Bruders? Desto mehr jedoch schlugen ihn die Brüder wieder, so daß der Kleine in große Not geriet.
Jetzt gab der König seinen Söhnen eine andere Aufgabe: Sie sollten ein weiteres Jahr wegbleiben, und am Ende des Jahres mußte ein jeder ein Brot mitbringen, und wessen Brot das feinste und schmackhafteste war, der sollte das Königreich erhalten.
Die Söhne gingen wie schon das vorige Mal los. Der jüngste Bruder kannte bereits den Weg, den er gehen mußte.
Bald erschien er auch vor der Schlange, um von ihr Rat zu holen, und berichtete ihr vom Wunsch seines Vaters.
Das Tier sagte zu ihm: „Wasch mich sechs Tage jeden Tag sechsmal, dann besorge ich dir das ver-langte Brot.“
Der junge Mann erfüllte ihren Wunsch.
Nach einem Jahr erschien er mit seinen Brüdern vor seinem Vater und übergab ihm sein Brot, das natürlich besser war als das der anderen.
Die dritte Aufgabe bestand darin, die schönste Braut heimzubringen.
Wieder erschien der jüngste Bruder im unterirdischen Schloß und brachte der Schlange seine Bitte vor.
Die Schlange sagte: „Wasche mich zwölf Tage jeden Tag zwölfmal, dann heize den Ofen sieben-mal heißer, als er sonst geheizt wird, nimm mich aus dem Schlaf auf den Schoß, wirf mich in den Ofen und schließe die Tür fest zu. Und wenn ich im Ofen schreien und dich gar mit dem Tode be-drohen sollte, öffne nicht die Tür; denn sollte ich entkommen, werde ich dein Leben nehmen.“
Der junge Mann tat wie befohlen, heizte den Ofen siebenmal heißer als sonst, riß die Schlange aus dem Schlafe und warf sie in die Glut. Die Schlange schrie fürchterlich und drohte, den jun-gen Mann zu verschlingen, doch umsonst, die Ofentür blieb verschlossen.
Am anderen Tage, als das Geschrei im Ofen verstummt war, öffnete der junge Mann die Ofentür. Doch was erblickte er?
Aus dem Ofen kam ein wunderschönes Mädchen heraus, fiel ihm um den Hals und sagte:
„Du hast mich aus dem Zauber erlöst. Schon zwölf Jahre bin ich hier im unterirdischen Schloß gefangen, wo mich der Teufel in eine Schlange verwandelt hat, weil ich nicht seine Frau werden wollte. Jetzt ist er aus dem Haus gegangen, um meinesgleichen hierher ins Netz zu locken. Schnell, versuchen wir, von hier zu entkommen, es könnte ja geschehen, daß er früher nach Hause kommt.“
Bald war der jüngste Bruder mit seiner schönen Braut beim Vater, ebenso wie die anderen Brüder mit ihren Bräuten. Der jüngste bekam das Recht, das Reich zu erben, weil er die schönste Frau hatte, die außerdem noch eine Königstochter war, die der Teufel in einer stürmischen Nacht gestohlen, ins unterirdische Schloß gebracht und dort in eine Schlange verwandelt hatte.

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