Der verschwundene Mann

Ein Mann ging auf die Suche nach einem Schwiegersohn zum Einheiraten.
Da begegnete ihm ein Bär, der sagte: „Guten Tag, Mann! Wohin gehst du?“
„Ich suche einen Schwiegersohn zum Einheiraten.“
Der Bär sagte: „Nimm doch mich!“
„Ich weiß nicht, ob du einen Schwiegersohn zum Einheiraten wirst abgeben können.“
„Das werde ich schon.“
So ging der Mann mit dem Bären nach Hause. Alle fürchteten sich vor dem Bären und waren sehr in Sorge; aber es war nichts zu machen.
Nun bereiteten sie die Hochzeit vor und holten alle Verwandten zusammen.
Es kam der Abend. Die Braut ging mit dem Bräutigam schlafen. Doch sie fürchtete sich, bei dem Bären zu bleiben.
„Stellt Wachen ans Kopfende, andere ans Fu-ßende und die dritten vor die Tür!“
Da sagte der Bräutigam zur Braut: „Schicke diese Wachen fort!“
Sie schickte die Wachen von der Tür und vom Fußende fort, die am Kopfende ließ sie stehen.
Da sagte der Bräutigam wieder: „Schicke auch die Wachen vom Kopfende fort!“
Die Braut aber fürchtete sich sehr: „Laß sie doch hier schlafen!“
Der Bräutigam drängte erneut: „Schicke sie fort, schicke sie fort!“
So schickte sie auch diese fort.
Der Bräutigam öffnete seine Bärenhaut, zog sie aus – und war ein hübscher, echter junger Mann.
Am Morgen gingen sie ins Haus. Da sagte er zu seiner Braut: „Sage keinem, daß ich die Bären-haut abgestreift hatte. Sei weiterhin traurig.“
Alle Verwandten begannen zu fragen: „Wie konntest du mit ihm schlafen? Hat er dich denn nicht aufgefressen?“
Die Braut erzählte dennoch alles der Schwester. Die Schwester sagte es den anderen. Da überlegten die Verwandten, wie sie es auch zu sehen be-kämen.
Es kam wieder der Abend. Die Verwandten erhitzten einen Stein und stellten ihn in eine Ecke der Kaffscheune.
Der Bräutigam und die Braut gingen wieder schlafen. Sowie der Bräutigam die Haut auf den Stein geworfen hatte, verbrannte sie sofort – nur die Funken sprühten.
Da sagte der Bräutigam zur Braut: „Nun schön, wenn du deine Zunge nicht hüten konntest und alles erzählt hast, gehe ich fort. Du wirst mich nicht eher wiederbekommen, als bis du drei Paar eiserne Schuhe und drei eiserne Stöcke abgetra-gen und drei goldene Äpfel zernagt hast.“
Und er ging seines Weges.
Die Braut ging ins Haus und weinte und grämte sich sehr, warum man ihr solchen Kummer berei-tet habe.
Dann zog sie eiserne Stiefel an, nahm einen ei-sernen Stab in die Hand und ein Äpfelchen in die Faust – und machte sich auf den Weg.
Sie ging und ging, solange es eben ging, dann schaute sie – die Sonne steht schon niedrig, geht bald unter. Die Stiefel waren schon zerrissen, der Stab war abgenutzt und der Apfel aufgegessen. Doch zum Übernachten war nichts da. Sie schaut und schaut – ein Häuschen dreht sich herum auf Gänsefüßen. Da spricht sie zum Häuschen:
„Häuschen, Häuschen,
Dreh dich zum Wald
Mit der Hinterwand,
Dreh dich schnelle
Zu mir mit der Schwelle!“
Das Häuschen bleibt stehen. Sie geht hinein. Im Hause spinnt eine Alte: aus Kupfer das Spinnrad, aus Kupfer das Garn, aus Kupfer auch die Kunkel darauf.
Sie geht ins Haus: „Großmütterchen, gibst du Obdach für die Nacht?“
Die kupferne Alte antwortete mürrisch: „Eine Herberge trägt keiner auf dem Rücken mit. Obdach für eine Nacht werde ich dir schon geben.“
Es kam der Morgen. Sie zog neue Stiefel an, nahm einen neuen Stab in die Hand und einen neuen Apfel zum Nagen.
Dann ging sie wieder. Ging und ging – schaute sich dann um, die Sonne war schon ganz tief gesunken. Die Stiefel waren zerrissen, der Stab abgenutzt, das Äpfelchen aufgegessen. Doch nirgends ein Haus – wo soll sie übernachten?
Sie schaut hin – wieder dreht sich ein Häuschen auf Gänsefüßen. Da sagt sie, spricht recht lieb:
„Häuschen, Häuschen,
Dreh dich zum Wald
Mit der Hinterwand,
Dreh dich schnelle
Zu mir mit der Schwelle!“
Das Häuschen bleibt stehen. Sie geht hinein. Schaut – eine Alte spinnt: aus Silber das Spinnrad, aus Silber das Garn, aus Silber die Spule, aus Silber auch die Kunkel darauf.
Sie sagt: „Großmütterchen, gibst du Obdach für die Nacht?“
Diese Alte sagte schon freundlicher: „Die Herberge wird nicht auf dem Rücken getragen – Obdach für die Nacht werde ich dir geben.“
Es kam der Morgen. Sie wusch sich das Gesicht, zog die letzten Stiefel an, nahm den letzten Stab zur Hand und begann am letzten Apfel zu nagen. So ging sie.
Wieder steht die Sonne schon tief, die Stiefel sind zerrissen, der Stab abgenutzt, das Äpfelchen aufgegessen. Nirgends ein Lichtschein zu sehen. Sie geht und weint. Geht – schon sinkt die Sonne.
Da schaut sie – wieder dreht sich ein Häuschen auf Gänsefüßen herum. Sie sagt wieder:
„Häuschen, Häuschen,
Dreh dich zum Wald
Mit der Hinterwand,
Dreh dich schnelle
Zu mir mit der Schwelle!“
Das Häuschen bleibt stehen. Sie geht ins Haus, sieht – eine Alte spinnt: goldenes Spinnrad, goldene Kunkel darauf, goldene Spule und goldenes Garn.
Sie sagt: „Großmütterchen, gibst du Obdach für die Nacht?“
Diese Alte sagte freundlich: „Ich gebe dir Ob-dach, Töchterchen. Eine Herberge trägt keiner auf dem Rücken bei sich.“
Da blieb sie zur Nacht.
Es kam der Morgen. Die Stiefel sind zerrissen, der Stab abgenutzt, der Apfel aufgegessen – doch der Mann ist noch nirgends zu sehen. Sie weinte recht bitterlich. Dann wusch sie sich das Gesicht, nahm aus der Tasche ein Taschentuch und begann sich das Gesicht abzutrocknen.
Die Großmutter sagte: „Wie kommt das Taschentuch meines Sohnes in deine Tasche?“
Da erzählte sie der Großmutter ihre ganze Lebensgeschichte. Die Großmutter holte aus ihrer Truhe einen rotbackigen Apfel, gab ihn der Schwiegertochter, legte ihn ins Taschentuch hinein und sagte:
„Gehe hin zum Flußufer, schneide dort den Apfel auf, und es entsteht ein kleines Gut! Danach werden Männer hinkommen, um Pferde zu tränken. Wenn die Männer dann sagen, daß sie das Gut kaufen wollen, antworte ihnen: ‚Ich will nichts anderes dafür als eine Nacht mit dem Gutsherrn schlafen.’“
Sie ging zum Flußufer, breitete das Taschentuch aus, legte den Apfel darauf, zerschnitt ihn –, und es entstand ein ganz hübsches Gut. Dann schaute sie, ob die jungen Gutsknechte schon zum Flußufer kommen, um die Pferde zu tränken. Da kamen sie auch.
„Verkaufe uns dieses Gut!“ sagten die Pferdetränker.
Sie aber sagte: „Ich will nichts weiter dafür haben, bringt nur den Gutsherrn für eine Nacht zu mir zum Schlafen!“
Der Gutsherr kam auch. Er hatte einen Ehering am Finger –, und sie erkannte ihren Mann. Schau, so bekam sie ihren Mann wieder. Damit ist auch die Geschichte zu Ende. Im vergangenen Jahr war ich dort zum Besuch.

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