Der Sohn und der Vater

Der Vater und der Sohn pflügten auf dem Feld. Der Sohn sagt: „Vater, gib mir Geld und erlaube mir, zur Schule zu gehen, ich möchte den Pastorenberuf erlernen.“
Der Vater hatte nichts dagegen, gab dem Sohn das Geld und schickte ihn zur Schule.
Als der Sohn im Sommer darauf aus der Schule nach Hause zurückkehrte, fragte ihn der Vater gleich: „Nun, was hast du, Söhnchen, in der Schu-le gelernt?“
Der Sohn antwortete: „Ich konnte dort nichts Gescheites lernen.“
Der Vater schimpfte lange mit dem Sohn, daß er das sauer verdiente Geld sinnlos verbraucht hatte und dabei nicht klüger geworden war.
Wieder arbeiten der Sohn und der Vater auf dem Felde. Schließlich bittet der Sohn: „Vater, gib mir Geld, ich möchte in die Lehre gehen und Maler werden.“
Der Vater murrte zuerst und erinnerte den Sohn daran, daß er im vergangenen Jahr das Geld verschleudert hatte, doch der Sohn bat und bat, bis ihm der Vater endlich das notwendige Geld gab.
Der Sohn lernte den Winter über die Malkunst. Im Sommer kam er nach Hause, um den Vater, die Mutter und die Verwandten zu besuchen.
Der Vater forschte nach und fragte seinen Sohn: „Nun, was hast du jetzt beim Malermeister gelernt?“
Der Sohn erwiderte darauf: „Was konnte ich denn in der kurzen Zeit schon lernen.“
Der Vater wurde wieder sehr böse und sagte, daß er dem Sohn in Zukunft keine Kopeke mehr geben werde, sollte er ihn je wieder um etwas bitten.
Er ließ ihn nun nichts mehr lernen, sondern spannte ihn noch mehr in die Arbeit ein als sonst, um den Verlust auszugleichen.
Der Junge verrichtete stets ruhig und fröhlich seine Arbeit, so daß der Vater mit ihm sehr zufrieden war und seine schlechte Laune verflog.
Das bemerkte der Sohn und bat nach einer Weile den Vater: „Vater, gib mir Geld, ich möchte auf die Reise gehen und die Vogelsprache erlernen.“
Der Vater lachte zuerst über die dummen Reden seines Sohnes und schalt ihn aus, daß er so etwas Dummes tun möchte. Doch der Junge bat so lange, bis der Vater wieder weich wurde. Er gab dem Sohn zum dritten Male Geld und schickte ihn mit Segenswünschen auf den Weg.
Der Junge schweifte hier und da im Walde umher. Die Bauern, die von der Sache hörten, hielten den Sohn wie den Vater für dumm oder für Nar-ren. Doch der Junge kümmerte sich nicht um die Meinung der Dorfbewohner und hörte nicht deren spöttisches Lachen, er schweifte im Wald umher und lernte und lernte die Vogelsprache. Wer ein Narr ist, der soll ruhig lachen!
Als ihm in der Gesellschaft der Vögel und im Schatten der Bäume die Vogellieder und das Rauschen der Bäume keine Freude mehr bereiteten, sondern ihn mehr und mehr langweilten, kehrte er wieder zum Vater zurück.
Einst pflügten der Vater und der Sohn wieder auf dem Feld. Da flogen ein paar Raben krächzend über ihre Köpfe hinweg.
Der Vater sagt: „Mein lieber Sohn, du hast nun einige Zeit die Vogelsprache gelernt, verstehst du, was diese Raben soeben gekrächzt haben?“
Der Sohn: „Ach, reiner Unsinn, was sie reden! Sie sagen, der Vater werde den Sohn einen Herrn nennen.“
Als der Alte die Worte hörte, wurde er böse und sagte:
„Sieh mal an, du Rotznase! Ich habe für dich eine Menge Geld ausgegeben und bin dein Vater. Und nun soll ich dich auch noch mit Herr anreden! Oh, das ist mehr als genug, ich werde rechtzeitig dafür sorgen, daß sich die Voraussage der Krähen nicht erfüllt.“
Als der Alte am Abend mit seinem Sohn nach Hause ging, steckte er ihn in eine leere Tonne, verschloß sie gut von beiden Seiten, und da sie am Meeresstrand lebten, rollte er die Tonne zusammen mit dem Sohn auf das hohe und weite Meer hinaus.
Der Vater hoffte und beabsichtigte, daß der Sohn im Meer entweder durch den Sturm oder durch das Eingeschlossensein in der Tonne den Tod finden werde; er mochte nun nicht länger mit dem Verschwender seines Geldes leben, aber viel mehr noch quälte ihn die Prophezeiung der Krähen.
Doch die Gedanken der Menschen gleichen nicht immer den Gedanken Gottes. Gott erhielt dem Jungen das Leben und lenkte die Tonne an das gegenüberliegende Meeresufer in den Garten eines berühmten Königs.
Der Königssohn wandelte gerade im Garten, als er die Tonne am Meeresstrande sah. Da ließ er seine Diener sofort die Tonne öffnen. Groß waren der Schreck und das Staunen aller, als aus der Tonne ein wunderschöner junger Mann heraus-trat.
Als er dem jungen König sein ganzes Leben genau erzählt hatte, nahm dieser ihn wegen seiner Schönheit und Höflichkeit zum Diener und zahlte ihm einen sehr guten Lohn. Er diente ehrlich, und der junge König achtete ihn sehr und vertraute ihm in jeder Sache.
Der junge König war noch ledig; der Nachbarkönig aber hatte eine Tochter, die wegen ihrer Schönheit weithin berühmt war.
Der junge König hätte sie am liebsten mit beiden Händen und mit einem liebeglühenden Herzen längst gefreit, doch der Vater hatte drei schwere Bedingungen gestellt, die der Freier erfüllen mußte, bevor er sich um das Mädchen bewarb. Die Aufgaben sollten die Klugheit und den Mut des Freiers beweisen.
Wer die Bedingungen erfüllte, gleichgültig, ob er niederer oder hoher Herkunft war, konnte frei-en kommen; wer sich aber der Prüfung unterzog und sie nicht erfüllen konnte, dem wurde der Kopf abgeschlagen und zum Abschrecken der Feiglinge den Raben zum Fraß aufgespießt. Ob der Freier nun ein junger König oder ein ärmerer Mensch war, dies war gleich. Diese Furcht hielt unseren jungen König von der Freiersfahrt zurück.
Die Bedingungen waren: Zuerst sollte der Freier an einem Sonntag in der Kirche eine Predigt halten, doch so, daß die eine Hälfte der Kirchgänger weinte und die andere Hälfte lachte. Danach sollte der Freier einen goldenen Vogel, der in den Garten kam, eines Nachts fangen, in einen Käfig stecken und dem König vorzeigen. Und die dritte Aufgabe lautete: Im Königsgarten flog um einen großen Baum schon ein Jahr lang beständig ein Rabenschwarm herum. Man versuchte zwar auf verschiedene Weise, die Raben zu vernichten, aber je mehr von ihnen getötet wurden, desto schneller vermehrten sie sich. Diese Raben sollte der zukünftige Schwiegersohn aus eigener Kraft vollständig verjagen.
Die Köpfe mehrerer mutiger Männer, aufgespießt auf einer Stange, zeugten von dem Ernst der Sache. Das Herz und die Seele unseres jun-gen Königs waren bedrückt und gebrochen vom Leid um diese Angelegenheit. Schließlich erzählte der Königssohn von seinen geheimen Herzenswünschen auch seinem treuen Diener, um die Pein zu erleichtern.
Als der Diener davon hörte, sagte er: „Verehrter hoher König, laßt mich gehen, ich werde an Eurer Statt diese Bedingungen erfüllen.“
Der König war mit solchem Rat zufrieden. Der Diener ging zum Nachbarkönig und versicherte ihm, er werde die gewünschten Bedingungen er-füllen.
Es wurde ihm befohlen, sich am Sonntag zu-nächst der Predigtprüfung zu unterziehen.
Da der Diener jung war, einst den Pastorenbe-ruf studiert und in der königlichen Familie noch vieles hinzugelernt hatte und auch ein geborener Redner war, fehlte es ihm nicht an Worten für die Predigt.
Am Sonntagmorgen, ehe er zur Predigt ging, zog der junge Mann die Hosen aus und schnitt den Kirchenrock hinten von unten bis zum Kreuz auf.
Beim Anhören der herzerweichenden Worte der Predigt weinten alle die Menschen, die vor seinen Augen standen. Doch beim Predigen beugte er sich fortwährend, und jedes Mal, wenn er sich bückte, kamen zwischen den aufgeschnittenen Talarhälften nackte Körperteile zum Vorschein. Alle, die in seinem Rücken standen, lachten so, daß sie sich mit beiden Händen den Bauch fest-halten mußten. Der König selbst war in der Kirche und erlebte, daß sich alles in der Weise zutrug, wie er es sich gewünscht hatte.
Da der Jüngling, wie wir wissen, auch die Malkunst gelernt hatte, kannte er dieses Handwerk. Als bald darauf die Nacht kam, in der er den Goldvogel fangen sollte, schnitzte er einen kleinen Vogel und überzog ihn mit Gold. Da er genauso aussah wie der Goldvogel im Garten, steckte er den Vogel in einen Käfig und brachte ihn dem Kö-nig. Der König, der den Betrug nicht erkannte, glaubte, im Käfig sei der Vogel, den er sehen woll-te. Er freute sich darüber und bestimmte jetzt den Tag, an dem der junge Mann den Rabenschwarm im Garten vernichten sollte.
Der junge Mann ging in Begleitung der Königsfamilie, darunter auch der berühmten Königstochter, in den Garten.
Nachdem er einige Zeit dem Gerede und dem Lärm der Vögel zugehört hatte, sagte er: „Sucht den alten Schal des Königs, der im vergangenen Jahr verlorengegangen ist!“
Die Dabeistehenden sagten: „Man hat ihn schon lange gesucht und dennoch nirgends gefunden.“
Der junge Mann: „Die Vögel sagen, dieser ver-lorene Schal liege hier unter den Wurzeln des Baumes. Grabt die Wurzeln aus!“
Nach kurzem Graben kam die Leiche eines klei-nen Kindes zum Vorschein, dessen Hals mit einem Schal fest zugebunden war, so daß das Kind dadurch den Tod gefunden hatte.
Als die Königstochter dies sah, wurde sie schneeweiß und fiel vor Schreck um. Vor einem Jahr hatte sie, ohne zu heiraten, infolge ihres lie-derlichen Lebens ein Kind geboren, es mit dem Schal des Vaters erwürgt und dann heimlich unter dem Baum vergraben. Deswegen flatterten die Raben das ganze Jahr hindurch um den Baum und verschwanden nicht. Sobald die böse Tat ans Tageslicht gekommen war, flogen sie davon, ohne daß jemand sie vertrieben hätte.
Die Königstochter bekannte halb ohnmächtig ihre böse Tat. Die Kunde von ihrer Schande ver-breitete sich noch weiter als zuvor der Ruhm ihrer Schönheit. Kein junger Mann, weder ein reicher noch ein armer, dachte mehr an sie oder redete von ihr, man bedauerte nur die ehrlichen Männer, die wegen eines solchen liederlichen Wesens ihr Leben verloren hatten.
Der junge Mann ging nach Hause, erzählte dem jungen König alles, was er durch sein Können fer-tiggebracht hatte, und wie die Sachen sich verhielten. Der König war unsagbar froh, daß diese Niedertracht durch seinen Diener offenbart wurde, bevor er sich mit einer so Unwürdigen angefreundet hatte. Er schenkte seinem Diener mehrere Handvoll Gold, das dieser dankend in die Tasche steckte.
Mit einem Male war der einst verstoßene Sohn reich geworden. Seine Kleider waren bereits vor-her gut gewesen, sonst hätte er ja nicht Diener im königlichen Hause werden können, jetzt aber hat-te er auch noch genügend Geld.
Er bat den König um Erlaubnis, seine Eltern besuchen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde ihm erteilt, aber gleichzeitig auch gefordert, daß er möglichst schnell wieder zurückkommen sollte, schnell wieder zurückkommen sollte, was der Die-ner auch versprach.
Er zog nun Privatkleider an, steckte sich Gold in die Taschen, und nach einer langen Reise gelang-te er an seinen Geburtsort. Der Vater hatte wegen seines Alters den Hof verlassen und lebte still mit seiner Frau in einer Kate, wo sie das Ende ihres Lebens erwarteten.
Wohl hatte der Vater mehrmals seinen Jähzorn dem einzigen Sohn gegenüber bedauert, doch wußte er auch, daß sein Bedauern zu spät kam, denn seiner Meinung nach war der Sohn schon längst auf dem Meeresgrund.
Als nun eines Abends die beiden Alten wie so oft schon das Gespräch über ihren Sohn beendet hatten, saßen sie wieder da in ihrer Kate, die Hände im Schoß, mit gebeugten Köpfen, in trüber Laune und in trauerndem Schweigen. Da tritt ein höflicher junger Herr herein, begrüßt sie freund-lich und bittet um Nachtquartier.
Die Alten entschuldigen sich: „Wir haben kein so schönes und sauberes Bett, in dem Ihr schlafen könntet, und wir haben Euch auch nichts Gutes zum Essen anzubieten.“
Der Fremde sagte, daß er mit allem zufrieden sei, und gab dem Alten gleich ein Goldstück in die Hand.
Nun redeten sie den ganzen Abend angenehm miteinander und gingen nach dem Abendbrot schlafen. Der Sohn gab sich aber noch nicht zu erkennen.
Am Morgen sagte der Alte zu seiner Frau: „Geh und hole dem Herrn frisches Wasser zum Wa-schen.“
Als der Sohn das hörte, sagte er:
„Jetzt kann ich mein Geheimnis lüften, das ich bisher gehütet habe. Die Voraussage der Vögel ist in Erfüllung gegangen: Der Vater nennt seinen Sohn Herr. Lieber Vater, ich bin dein Sohn, den du ins Meer geworfen hast, weil ich dir gesagt, was die Vögel gesprochen haben, die über uns hinwegflogen. Nun will ich von dir nicht mehr Herr genannt werden. Jetzt siehst du, daß ich wirklich die Vogelsprache verstehe.“‘
Der Vater und die Mutter fielen beide dem Sohn um den Hals und weinten eine Weile vor Freude.
Der Sohn blieb auf ihren Wunsch noch einige Tage da zur Freude der Alten. Beim Abschied vergossen alle ihren Teil an Tränen.
Als sich der Sohn von ihnen herzlich verabschiedet hatte, gab er den Alten so viel vom mitgebrachten Golde, daß sie sorglos ihre alten Tage verleben konnten. Selbst ging er zurück zu seinem Dienst, wo er mit großer Gewissenhaftigkeit seine Pflichten erfüllte und von allen Mitgliedern der königlichen Familie geehrt und geachtet wurde.

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